Folge 3: Was bleibt, wenn alles anders wird?

Shownotes

Wir reden darüber,

– warum Abschiede oft erst im Rückblick sichtbar werden, – was passiert, wenn vertraute Gewissheiten verschwinden, – wie man mit Brüchen, Krisen und Übergängen lebt, – welche Rolle Münster darin spielt, – und warum ein Ende manchmal der einzige Weg zu einem Anfang ist.

Klaus Brinkbäumer erzählt von Verlusten und Neuanfängen, vom Erwachsenwerden als Erwachsener, vom Blick auf die eigene Biografie – und davon, wie man weitergeht, wenn sich die Welt verändert.

Mit Klaus Brinkbäumer Moderation: Ralf Heimann

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Ralf Heimann

Ich weiß gar nicht, ob ich dich hier überhaupt vorstellen muss in Münster, aber ich mache das natürlich trotzdem. Ja, es geht heute eigentlich um Abschiede, aber das ist wieder eine Ankunft. Du bist zurück in Münster, wo alles begonnen hat für dich. Wir haben ja über den Journalismus zusammengefunden. Im Journalismus hat für dich alles bei Westfälischen Nachrichten begonnen, wo du den Hiltrup angefangen hast in der Lokalredaktion. und den Rest der Geschichte kennen viele wahrscheinlich schon. Du hast im Prinzip im Journalismus, wenn man das so sagen kann, alles erreicht, was man erreichen kann. Du warst Spiegel-Chefredakteur, zuletzt MDR-Programmchef und hast alle großen Journalistenpreise gewonnen, über den Steuerfall Streffi Graf recherchiert, über die Vergabe des deutschen Sommermärchens, also der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Du warst Chefredakteur des Jahres. ich könnte das jetzt noch endlos fortsetzen. Ich dachte, ich sage auch mal ein paar Dinge, die vielleicht nicht in jeder Vorstellungsrunde erzählt werden, nämlich du hast auch in der Volleyball-Bundesliga gespielt und 2018 warst du auch noch Vizedeutscher Meister im Segel. Wir könnten also über ganz vieles reden heute Abend, aber wir wollen über dein neues Buch sprechen und das ist ein ganz persönliches Buch, deswegen würde ich auch mit einer ganz persönlichen Frage anfangen wollen. Du bist ja heute mit dem Auto nach Münster gefahren und es geht um Abschiede, auch um Münster, um die Bedeutung der Stadt für dich. Es hat sich ja in den letzten acht Jahren sind es, glaube ich, insgesamt in deinem Leben viel verändert, aber auch hier in Münster. Mit welchem Gefühl kommst du denn zurück in deine Heimatstadt? Also wahrscheinlich mit einem gemischten Gefühl.

Klaus Brinkbäumer

Ja, mit ganz, erstmal schönen guten Abend. Und ich freue mich wirklich sehr, sehr, sehr hier zu sein. Was für ein schöner Raum auch. Und ja, von draußen, von drinnen. Es ist toll, hier zu sein und zu Hause zu sein. Und so fühlt es sich an. Es fühlt sich an, wie nach Hause kommen. Es fühlt sich schön an. Ein bisschen traurig immer auch, weil ich natürlich jedes Mal, wenn ich in Hildrup bin oder in Münster bin, zum Friedhof fahre. Das habe ich heute Nachmittag sofort gemacht. Also ich bin von der Autobahn runter, Ausfahrt Münster-Hiltrup, war dann erst mal irritiert, weil dann alles wieder gesperrt war und neue Baustellen da waren. Da musste ich mich wieder zurechtfinden. Das kennen, glaube ich, alle Münsteraderinnen und Münsterader, wovon ich da erzähle. Und dann bin ich zum Friedhof gefahren. Und das erschlägt mich dann jedes Mal wieder, die Endgültigkeit dort und dieser Besuch. Das gehört aber natürlich dazu für meine Schwester ganz genauso, wenn wir hier sind. Und dann bin ich so langsam einmal beim Elternhaus vorbei und dann aber in die Stadt gefahren. Und das jedes Mal, so war es auch heute voller Freude. Ich schaue verglügt nach links ins Preußenstadion, schaue, wie es wächst. Und so geht es an vielen Stellen in Münster. Das ist Heimat hier und das vergeht zum Glück auch nicht.

Ralf Heimann

Du bist Preußen-Fan und St. Pauli-Fan, das hätte ich auch noch in der Tat.

Klaus Brinkbäumer

Seltene Kombination. Aber es waren glückliche Jahre jetzt. Mit diesen beiden Vereinen, meinst du?

Ralf Heimann

Ja, vielleicht dann was fürs nächste Buch. Sie haben jetzt dieses Buch wahrscheinlich alle gesehen. Ich habe es gelesen vor ein paar Wochen und war ganz begeistert. Und man bekommt dann so ein Buch auf den Tisch und dann fängt man an, das zu lesen. Und es hat so etwas Selbstverständliches, dass diese Dinge da in einem Buch stehen. Aber das ist ja eigentlich gar nicht selbstverständlich. Im Journalismus ist es ja immer so, dass es gar nicht so sehr darum geht, Dinge jetzt besonders gut aufzuschreiben oder erzählen zu können, sondern erstmal darum, Geschichten überhaupt zu sehen und Geschichten überhaupt zu finden. In diesem Fall war es ja einerseits ganz offensichtlich, aber andererseits vielleicht auch doch nicht so offensichtlich, dass es sich lohnen würde, diese Geschichte einem großen Publikum zu erzählen. Kannst du vielleicht beschreiben, wie du verstanden hast, dass das eine Geschichte ist, die du öffentlich machen solltest?

Klaus Brinkbäumer

Ja, sehr gute Frage und für mich eine große Frage, weil ich genau an der Stelle lange, lange gehangen habe und auch gerungen habe. mit mir gerungen habe, dann mit Freunden und Freundinnen geredet habe, meiner Schwester lange geredet habe, meiner Tochter geredet habe darüber, wie sehr, also A, was du gerade schon angedeutet hast, interessiert das eigentlich eine Öffentlichkeit? Geht das anderen Menschen etwas an? Aber wollen sie es auch wissen? Das ist ja durchaus eine relevante Frage, wenn man einen Text schreibt oder ein Buch schreibt, das zur Veröffentlichung bestimmt ist. Und dann aber auch, will ich eigentlich über derart private Dinge schreiben Und sollte ich das, ist das angemessen, ist das richtig, ist das indiskret, ist das auf eine Weise, wenn man es mal ganz hoch hängen wollte, vielleicht sogar verrat. Dann habe ich mit den Menschen, von denen ich gerade schon gesprochen habe, plus meiner Buchagentin Franziska Günther und den Lektorinnen und Lektoren von CH Beck, dem Verlag, genau darüber gesprochen. Ist das ein zu privates Thema? Ist das zu intim? Und habe immer wirklich ausnahmslos zu 100 Prozent von allen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern die Antwort bekommen. Nein, Klaus, keine Scheu. Das ist ein Generationenthema. Das ist ein sehr großes Wort, aber ein Thema für so viele Menschen. Abschiege sind politisch. Und das war dann auch irgendwann für mich so, dass ich es dann nicht mehr hinterfragt habe. so omnipräsent, sind so groß, sind so alldegenwertig. Damit meine ich jetzt sowohl die politische Ebene, wo wir von so vielen Gewissheiten lassen müssen, transatlantischer Freundschaft oder der Sicherheit, was das Vertrauen in internationale Organisationen, Stabilität von Politik angeht, aber eben auch im Privaten. Die Generation, der ich angehöre, ich bin Jahrgang 67, Also Menschen, ich sage es jetzt, ich passe es mal ein bisschen weiter, die zwischen 1960 und 1970 geboren sind, die wissen, glaube ich, wovon ich rede, dass wir so vieles loslassen müssen und eben auch die Generation sind, die mit sehr alten Eltern, altwerdenden Eltern zu tun hat, dann oft dementerdenden Eltern, das gehört ja dann leider zusammen und natürlich auch Abschied nehmen muss. Ich will nicht behaupten, dass wir die einzige und erste Generation wären, der das so geht. Aber da ist etwas. Da ist ein Thema, glaube ich, glaubten wir. Und dann haben Franziska und Franziska Dinter, die gerade schon angesprochen war, und die Kolleginnen und Kollegen und Freundinnen und Freunde und Vertrauten, mit denen ich gesprochen habe, gesagt, trau dich nur. Also trau dich, trau dich, es zu erzählen. Und das habe ich dann gemacht. Dann habe ich angefangen.

Ralf Heimann

Es geht ja, das Buch lässt sich gar nicht so leicht zusammenfassen, weil es um so viele Dinge geht. Also man findet so viele Anknüpfungspunkte. Du hast es gerade gesagt, man kann auch über Politik sprechen, denn Politik hat ja oft mit diesem ganz kleinen Gefühl zu tun, dass man die Welt gerne so hätte, wie sie mal war. Und du schaust ja auch viel zurück. Es geht um so unbequeme Gefühle, für die es früher vielleicht gar keinen Raum gab so richtig. Also zum Beispiel Trauer. Das ist ja ein ganz zentrales Gefühl, über das du schreibst. Was hast du innerhalb dieses Schreibprozesses und deiner Beschäftigung damit übers Trauern gelernt?

Klaus Brinkbäumer

Gute Fragen. Ich habe für mich selber, und ich möchte keine Ratschläge oder Weisheiten verteilen und niemandem sagen, so müsse er oder sie trauern, für mich selber also gelernt, dass ich mir nicht genug Zeit genommen hatte, mich nicht genug eingelassen hatte. Nicht gut zu hören geht das mit dem Mikro? Okay. Fühlt sich ein bisschen ungewohnt an so vorm Gesicht, aber sie sollen mich ja hören können. Was meine ich damit? Ich hatte so nach Stumpenplan getrauert. Ich hatte einen sehr anstrengenden Job. Jetzt ist es etwas ruhiger. Jetzt arbeite ich inhaltlich an Büchern, Filmen und Texten wieder. Aber da zu der Zeit war ich als MDR-Programmdirektor in so einer Konferenzwelt der ARD. Mit Terminen von morgens früh, 8 Uhr bis in den Abend hinein und so durchstrukturiert nach Stummenplan, im Halbstummentakt in Wahrheit. Und dann habe ich mir von 14 bis 14.30 Uhr Zeit genommen, um über den Tod meiner Mutter nachzudenken und zu trauern. Das funktioniert natürlich überhaupt nicht. Wie sollte es auch? Das aber muss man erst mal verstehen, dass das nicht geht. Dass auch die Art und Weise, wie, ich möchte es jetzt nicht verallgemeinern, aber ich habe das in meinem Freundeskreis schon so erlebt, oder ich werde von mir, wie ich mich eben nicht mitgeteilt habe, nicht funktioniert. Also wenn du nicht sagst, wie es dir wirklich geht, was das wirklich mit dir macht, kann es niemand wissen. Dann fragt auch niemand nach und dann entsteht Schweigen. Schweigen ist das Falscheste, weil so war es für mich jedenfalls, weil so viele Menschen, mit denen ich dann irgendwann doch geredet habe, meine Erfahrungen teilen konnten und verblüffenderweise ganz sympathisch war. Verblüffenderweise meine ich ironisch. Viele Leute sind so froh, wenn du dich mitteilst, wenn du sagst, was das wirklich mit dir macht oder wenn du Fragen stellst und sie fragst, wie geht es dir denn mit deiner Trauer, mit deinem Abschied. Das musste ich aber wirklich lernen. Und ich könnte jetzt sofort auf deine Frage sagen, wie ich es gelernt habe. Das steht aber genau in der Passage, die ich als erstes vorlesen wollte. Dann hätten wir jetzt eine Doppelung. Ich musste das wirklich erst mal verstehen, dass es Zeit braucht, dass es Ruhe braucht, dass es Offenheit braucht, sich wirklich einzulassen darauf, auf das Gespräch, dass du dich mitteilen kannst. Und es tut überhaupt nicht weh, sich mitzuteilen. Es nimmt dir auch niemand übel, es lacht auch niemand, wenn du sagst, was wirklich passiert ist und warum es dich erschüttert und wie sich das Verhältnis zu deinen Eltern verändert hat, entwickelt hat über die Jahre oder Jahrzehnte. Es waren sofort ganz warme, intensive, vertraute Gespräche. Und für mich war das Letzte, wenn ich es in einem Satz sagen will, das Entscheidende, endlich innezuhalten, mir Zeit zu nehmen. Darum ging es, im Wald ging es darum.

Ralf Heimann

Ja, ich brache diese Stelle tatsächlich an, weil es ja die erste ist, aus der du vorlesen möchtest. Und vielleicht kannst du, bevor du diese Stelle vorliest, noch kurz sagen, warum das Buch genau an dieser Stelle beginnt.

Klaus Brinkbäumer

Ein Schlüsselmoment war es, ein Konflikt mit meinem Vater, der, ich löse ihn jetzt noch nicht auf, einen kleinen Cliffhanger halten wir, glaube ich, alle aus, der ganz wichtig war für uns, aber auch fatal war. Fatal in dem Moment, weil es genau im falschen Moment war. Das Letzte, was wir beide brauchten, war ein Konflikt miteinander. Den hatten wir aber da. Und ich glaube, das sagt viel. Das sagt viel über Eltern und Kinder, Väter und Söhne, glaube ich, ganz besonders. Männer, wie sie damit umgehen. Und ich fand es einen, es war ein Schlüsselmoment. Und dann hat es auch eine ganz sehr viel nüchternere Erklärung. Das ist rein dramaturgisch. Ich beginne mit meiner Mutter und beende das Buch mit meinem Vater. Das sollte ein erzählerischer Bogen sein. Und das kommt auch dazu. Aber der erste Punkt ist wichtiger.

Ralf Heimann

Ja, vielleicht liest du dann diese Passage vor. Wenn du das Buch die Seite suchst, das wird nicht so schwer werden, das ist gleich die erste. Das fängt damit an. Noch kurz, wenn Sie Fragen haben, dann versuchen Sie sich die bis zum Ende zu merken. Da machen wir dann noch eine kleine Runde. Wir machen das jetzt nicht mittendrin, weil nämlich parallel nehmen wir dieses Gespräch auch als Hauptcast auf und das wissen nicht, ob das dann richtig funktioniert. Probieren das jetzt mal so, aber ich hoffe, es kriegen wir am Ende auch so hin. Und ich renne nicht weg hinter.

Klaus Brinkbäumer

Warum hat mich mein Vater nicht angerufen? In diesem einen Augenblick, der wichtiger war als alle anderen Augenblicke. Wollte er diesen letzten Montag für sich haben? Diese Stunden, den letzten Nachmittag, den Abschied? Diesen letzten Moment? Wollte er mir zeigen, wer die Kontrolle hatte immer noch? Wer die Macht hatte, wenn es galt? Dabei hatte ich ihn darum gebeten am Freitag noch. Bitte sag mir Bescheid, wenn es irgendwelche Nachrichten gibt. Ich komme so schnell wie möglich. Ein kurzer Anruf, 30 Sekunden nur, mehr hätte es nicht gebraucht. Ich war drei, vier Stunden entfernt in Hamburg. Wäre also um 15 oder 16 Uhr in Hildruck gewesen. Rechtzeitig, wenn man das so sagen kann. Ich hätte ihre Hand halten können. Aber er rief mich nicht an. Und wir fuhren zurück nach Leipzig, wo wir lebten, und nicht nach Hiltrup, wo die Eltern lebten. Meine Mutter, Anne Brinkbäumer, am 3. September 1939 geboren, staub am 3. Oktober 2022 in Hiltrup bei Münster. Es war 18.10 Uhr und ich war nicht dort, obwohl ich hatte dort sein wollen. Ich hätte dort sein können. Mein Vater, der um zwölf Uhr mittags von der Pflegerin erreicht worden war und dem gesagt worden war, dass es schlecht stehe, rief nicht an. Ich habe dich doch am Abend eingerufen, als die Mama gegangen ist. Das sagt der Vater gekränkt. Und er versteht nicht, was ich ihm sagen will. Warum nicht sofort? Aber ich bin doch zur Mama gefahren. Ich war doch bei ihr. Ich habe ihre Hand gehalten. Der Pastor war auch da. Er hat gefragt, ob er sie segnen dürfe. Dann saßen wir zu zweit bei ihr. Ich habe gesungen und gesungen und sie war ganz still. Dann hat sie zweimal gestillt, heftig ausgeatmet und so ist sie gegangen. Niemand kann besser aneinander vorbeireden als Väter und Söhne. Die Wochen danach rauschten dahin. Ich verbrachte Tage mit Alexej, meinem Sohn, der toben will, rennen, klettern, der Nein zu sagen gelernt hat und wochenlang nichts als immer nur Nein sagt. Wir verfassten die Todesanzeige, schrieben oben rechts, die Vernunft sagt, der Tod ist Teil des Lebens und manchmal kommt er sogar als Erlösung. Wir blätterten durch einen Katalog und wählten die bläubig-silbrige Urne aus, sagten, die würde sie mögen, aber wer mag schon die eigene Urne? In der Kirche, in der ich als Grundschüler Messdiener gewesen war, sangen und beteten wir. Es war ein Donnerstag, 11 Uhr, drei Wochen nach ihrem Tod. Ich staunte, weil die Marienkirche verändert war. Der Altar näher an uns herangerückt, der einstmals riesige Innenraum, künstlich verengt. Mein letzter Besuch in dieser Kirche lag über 40 Jahre zurück. Damals war ich vom österlichen Weihrauch ohnmächtig geworden und auf der harten Kirchenbank liebend wieder aufgewacht. Es war ein Abschied gewesen vom römisch-katholischen Universum meiner Kindheit. Auf dem Friedhof am Grab konnte ich nicht hinabsehen. Ich schaufelte etwas Erde hinein, ließ weiße Blütenblätter fallen, hielt meine Tochter, meine Ehefrau, meine Schwester, meinen Vater und wurde gehalten. Und niemand hier oben war allein. Trauer nimmt die Trauernden gefangen und verunsichert die Nicht-Trauernden, weshalb sie aus deren Sicht gezähmt und überwunden werden sollte. Trauernde können seltsame Vereinigungen formen. Es ist etwas Beklemmendes um den Totenkult von anderen, wie Elias Kanetti schreit. Wir fuhren zu dem Café an der Westfalenstraße, die von Hiltrup geradewegs nach Münster führt. In die Stadt, sagten wir damals, als ich ein Hiltrupper Kind und Münster die ferne, mondäne Welt und meine Mutter eine junge Frau war. Wir aßen Suppe, aßen Pflaumen und Apfelkuchen und ich redete erstmals seit Jahren mit meinem Onkel, ihrem Bruder. Dann setzte ich mich zu meinen Cousins und Cousinen, die mir fehlen und von denen ich wenig hören werde bis zur nächsten Beerdigung. Und während all dieser Wochen war ich wütend auf meinen Vater, gekränkt. Ich sagte es ihm, wie konntest du nur? Und er sagte mir, ich war doch bei ihr. Traurig blickte er mich an. Ich dachte daran, dass Telefonieren bei uns immer ein Thema gewesen war. Früher, wenn meine Schwester Jutta stundenlang mit ihrer besten Freundin Katrin telefonierte, die 200 Meter entfernt wohnte, oder wenn ich stundenlang mit Christiane oder mit Stefan über Christiane reden musste, dann verschwendeten wir telefonierend das Geld des Vaters, so sah er es. Später dann, als Jutta und ich in Frankreich und den USA lebten, waren die Telefongespräche kurz, weil der Vater sparen wollte. Er rief so gut wie nie an. Meine Mutter rief ihre Kinder an. Die Kinder riefen ihre Eltern an. Der Vater kam manchmal dazu und rief seiner Ehefrau manchmal grüßschön aus dem Wohnzimmer zu. Ich glaube, das kennen mehr, bluten. Meine Freunde haben alle gesagt, das war bei uns ganz genauso. Es dauerte mehrere Wochen, bis ich mich in jenen Sonntag aus seiner Perspektive hineindenken konnte. Der Anruf aus dem Hain Der Vater steht im Flur Den Hörer am Ohr Der Vater ist so wackelig auf den Beilen Aber er muss sich jetzt schnell anziehen Wie kommt er bloß schnell genug zu seiner Frau? Wird er zu spät sein? Was nimmt sie wahr? Weiß sie, dass sie heute sterben wird? Ist es möglich, dass mein Vater in diesen Minuten gar nicht daran gedacht hat, euch anzurufen? Nicht jetzt, nicht sofort Es dauerte deshalb lange viel zu lange, bis ich verstand, was ich da eigentlich tat. Ich lenkte mich mit meinen Vorwürfen ab, schon wieder. Ich belog mich, auch das. Ich hätte seinen Anruf ja durchaus offensiver einfordern können. Ich hätte auch ohne diesen Anruf nach Münster fahren können. Ich wusste ja, dass es ihr nicht gut ging. So aber war das, wenn ich trauerte. Ich trauerte ein bisschen, nicht ganz und gar. Ich betrachtete, bedachte und verlängerte stattdessen den Konflikt mit meinem Vater, statt mich auf das Eigentliche einzulassen. Denn wenn unsere Mutter stirbt, was zählt dann? Worum geht es dann? Nur um sie, um ihr Leben, um das Ende ihres Lebens. Es geht nur um die Trauer um unsere Mutter. Es ist ein eisig-windiger Winterabend in New York, als ich verstehe, wo meine Gedanken in all diesen Wochen eigentlich waren. Es ist der Moment, als ich in der 23. Straße in Richtung Westen zum Stehen komme, vom Rad steige und mich nicht mehr bewegen kann. Und mich auch nicht mehr bewegen will. Es gibt im Leben manchmal diese Momente des plötzlichen Begreifens, in denen ein Weitermachen unmöglich wird, weil es jetzt Dringlicheres gibt. Sekundenstille Eindeutigkeit. Darum bin ich hier, darum geht es. Meine Mutter ist tot, die Ehefrau meines Vaters ist tot. Wir trauern beide, wir trauern nicht gegeneinander. Unsere Familie existiert nicht mehr. Nicht mehr so, wie sie immer war. Mutter, Vater, Jutta, ich. Ob ich dabei war, als sie starb, ist nicht wichtig. Denn sie war nicht allein, das ist wichtig. Und ich hatte ein paar Tage vorher Abschied von meiner Mutter genommen, auch das ist wichtig. Und nun bin ich hier, um all die schmerzhaften Gedanken zuzulassen, um Zeit zu haben für diesen Abschied. Ich bin im fünften Jahr der Abschiede, sieben Jahre werden es am Ende sein. Es ist der 26. November 2022, 15.45 Uhr. Heute Mittag bin ich gelandet. Ich hatte Samia gesagt, dass ich Sehnsucht nach New York habe, hinfliegen und dort sein will, einfach weil ein Sehnsuchtsort hin und wieder aufgesucht werden muss. Mit Trauer, mit Abschied hatte ich den Wunsch vor der Reise nicht in Verbindung gebracht. New York war ein Lebensort für mich, kein Trauerort, ein Glücksort. Meine Definition von Glück hat sich über die Jahre verändert. Glück war früher erwiderte Liebe, ein vom seitlichen Wind gefülltes Segel, Reisen, ein Morgen in New York oder der Aufstieg des FC St. Pauli. Preußenmünsters Aufstieg auch. Glück ist heute, wenn die, die ich liebe, am Leben sind. Die in unserem Leben am meisten unerwiderte Liebe sei die Liebe zu unseren Gestorenen. Das hat Olga Maturnova geschrieben. Manche Tage nach dem Tod meiner Mutter verbrachte ich bei meiner Arbeit in einem Geflecht aus Sendern, das die heftigste Krise seiner Geschichte erlebte, sich reformieren wollte und darum immer neue Arbeitsgruppen erfand, als deren Erfolg irgendwann, wenn alle heute Beteiligten tot sein werden, die Abschaffung eben dieser Arbeitsgruppen gelten wird. Kafka kannte die Arbeitsgemeinschaft öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten. Andere Tage verbrachte ich in Hiltrup bei meinem Vater. Das Zimmer meiner Mutter im Heim musste ich ausräumen, ihre Cremes, ihre Pullover, die geliebten Kaschmir-Schals, die Fotos ihrer Enkel am Ende kaum noch betrachtet, denn wenn meine Mutter die Augen öffnete, war das, was sie sah, die Zimmerdecken. Einmal weinte meine Mutter, beglückt, das hoffte ich, als ich ihr Zimmer betrat. Es war ein Moment des Erkennens, ich war mir sicher. Ich setzte mich zu ihr, umarmte sie, küsste sie und sie weinte, weinte dann nicht mehr und nach zwei, drei Minuten war sie nicht mehr da. Ich hatte Eis mitgebracht für Alexei und mich. Der Sohn blickte aus dem Fenster auf die Marktallee hinab, Hiltrofs Broadway, denn er liebt es, den Autos zuzusehen, den Bussen, Lastwagen. Ein wenig von dem Eis tupfte ich auf die Lippen meiner Mutter, die eigentlich nichts mehr essen wollte oder konnte. Sie leckte sofort das Eis weg, bis da ziehe. Und noch einmal. Ein Lächeln mit geschlossenen Augen, zumindest sah ich eines. Diese Minuten werden ewig unser Abschied sein. Es gibt keine Ausnahmen. Jeder Mensch kennt Abschiede wie diesen. Oder wenn er bislang Glück hatte, wird er die Brüche, die Trennungen, die Trauer irgendwann kennenlernen. Erlebt vielleicht heute einen sanften Ausklang? Doch schon morgen einen harten Schlusspunkt. Es gibt nichts, das nicht endet. Und darum gibt es niemanden, dem das Abschiednehmen erspart bliebe. Keine Trauerzeit ist exakt wie die andere. Für mich ballen sich die Abschiede in diesen sieben Jahren dieses Berichts. Den ersten fünf Jahren bis zum Tod meiner Mutter und meiner New Yorker Woche, in der ich die erste Fassung dieses Textes schreibe, Dann folgen zwei weitere Jahre mit dem gleichfalls trauernden alten Vater. Von diesen sieben Jahren möchte ich erzählen. Den ersten fünf im ersten Teil und den folgenden zwei im zweiten, denn die sieben Jahre des Loslassens und Wiederfindens fühlen sich für mich wie ein Block an, wie ein abgeschlossener Zeitraum mit Anfang und Ende, obwohl mir klar ist, dass damit die Abschiede meines Lebens nicht enden werden. Es wird in dieser Geschichte hin und her gehen, vor und zurück, weil das trauernde Hirn genau so funktioniert. Bilder, Zeiten, Orte vermischen sich, lange Zurückliegendes verschwimmt mit gerade Geschehendem und die alte, hilfesuchende Mutter wird übergangslos zur jungen, abenteuergierigen Frau. Das tut gut, das hilft, weil es die Schmerzen lindert, denn ich habe nicht ausschließlich die Bilder dieses Abschieds und der letzten Wochen im Kopf, sondern weiß auch jetzt noch, dass meine Mutter beides und noch viel mehr war, alles zu seiner Zeit. Die Wochen zogen vorbei und ich wollte die Trauer zulassen, tat es auch ein bisschen. Erzählte Freunden von meiner Mutter, sprach mit meiner Tochter über ihre Omi, dachte, dass ich es nicht schaffen würde, den Text fertig zu schreiben, den ich auf der Beerdigung vorlesen wollte, nahm er einen Sonntag und schrieb den Text. Olga Martinova hat es so ähnlich erfahren. In jenem Zustand, den der Text erfassen und darstellen möchte, kann man nicht schreiben. Und wenn man dann schreiben kann, besteht schon wieder eine Distanz zu eben jenem Zustand, um den es aber geht. Martinova trauerte nach dem Tod ihres Ehemanns, des Dichters Oleg Jojev. 37 Jahre lang waren Dichterinnen und Dichter ein Paar. In Leningrad haben sie einander kennengelernt. Nach Frankfurt zogen sie gemeinsam. Beide schrieben auf Russisch und auf Deutsch, übersetzten. Und 2018, nach Jojavs Tod, begann Matynera ihr Gespräch über die Trauer. Und ich tat es doch nicht, trauern. Wenn ich das, was ich nicht zurückholen kann, gar nicht erst vermissen will, dann ist dies meine Methode, Selbstablenkung. Durch einen Konflikt mit dem Vater. Ansonsten weitermachen, keine Stille zulassen, keine unbefristete Ruhe. Trauer? Trauer lässt sich nicht in einen Stundenplan einfügen. Doch exakt das versuchte ich. Ich räumte ihr ein paar Stunden frei und weiß doch, Trauer lässt sich nicht zähmen, nicht steuern. Sie lässt sich auch nicht kategorisieren. Dort eine normale Trauer über eine gestorbene Mutter, die halt dazugehört und die wir irgendwann alle erleben. Hier eine existenzielle Trauer über den Tod der Geliebten oder den Tod der Kinder, unaushaltbare Trauer, die glücklicherweise nicht zu jedem Leben gehört. Und so unwahrscheinlich ist, dass wir sie nicht einplanen. Nein, es ist anders. Trauer macht, was sie will. Trauer kommt heute ganz sanft und morgen gar nicht und übermorgen mit hundertfacher Wucht. Meine Mutter lebte nie in der Welt der sozialen Medien. Es gibt kein Facebook-Profil, es gibt keine Inszenierung ihrer selbst, kein digitales Fortleben. Sie hat auch keinen Abschiedsbrief hinterlassen, nur ein Testament, das von 1996 ist und eine Patientinnenverfügung von 2010. Sie hat keine Tonaufnahme für den jüngsten Enkel erstellt. Wir hatten auch keine letzten Gespräche. Sie war noch da, merkte, dass ihr Gedächtnis schwächer wurde. Und dann ging alles viel zu schnell. Uns alle überrollte diese Vehemenz. Mit diesem Tempo hatten wir ihr Verschwinden nicht vorhergesehen.

Ralf Heimann

Vielen Dank. Ja, ich finde, dieser erste Abschnitt, der vermittelt schon sehr gut diese unterschiedlichen Themen, über die es in dem Buch geht. Es geht natürlich, du hast jetzt vor allem über die Trauer geschrieben, gesprochen, aber es geht auch zum Beispiel darum, was Verständnis denn eigentlich ist. Also dass Verständnis unter Umständen mehr ist, als miteinander zu reden. Und dass man auch miteinander reden kann und die ganze Zeit aneinander vorbeisprechen kann. Und darüber wollen wir nachher nochmal sprechen im dritten Teil, wenn es am Ende dann um deinen Vater geht. Aber es geht auch um ein Thema, mit dem du dich bislang, also in deinem letzten Buch zum Beispiel, beschäftigt hast. Nämlich, was ist wichtig im Leben? Also zu dieser Frage kommst du ja in dieser Passage. Und darum geht es auch in dem nächsten Teil, den du gleich vorlesen wirst. Aber vielleicht können wir erst kurz über diese Zeit sprechen. Da geht es um deine Zeit beim Spiegel. Du hast dich ja in dem Buch über die Hundertjährigen auch schon mit der Frage beschäftigt, was ist wichtig im Leben. Und jetzt taucht in deinem Buch auch immer wieder auf, wie kam es, dass du dich mit dieser Frage beschäftigt hast? Hast du das Gefühl gehabt, dass du Dinge machst in deinem Leben, die nicht das sind, was eigentlich wichtig wäre?

Klaus Brinkbäumer

Ja, es fing an mit der Recherche für das Buch über die Hundertjährigen, die jetzt von heute angerechnet so knappe zehn Jahre, nicht ganz zehn Jahre zurückliegt, acht, neun Jahre. Und diese Recherche, wir haben es zu zweit gemacht, Samia, die vorhin schon genannte, und ich, ein gemeinsames Buch. Wir waren damals bei insgesamt 80, wenn ich es jetzt richtig im Kopf habe, 100-Jährigen auf der ganzen Welt, sowohl in Asien wie in Afrika, Russland, USA, in Deutschland natürlich, Und haben wirklich viel gelernt, sehr, sehr schöne Gespräche geführt, viel, viel gelernt. Ich will es jetzt nicht aus einem anderen Buch endlos zitieren, aber ganz wesentlich zum Beispiel zwei Erkenntnisse. Natürlich habe ich das, um meine Frage zu beantworten, Ralf, auf mich bezogen und dann denkst du ja automatisch über das eigene Leben nach. Männer haben, oder fast alle hundertjährigen Männer, so ist es richtig gesagt, haben uns damals gesagt, auf die Frage, die wir allen gestellt haben, was bereust du eigentlich, was tut dir eigentlich leid in deinem Leben. Wir haben die Interviews individualisiert, personalisiert auf den jeweiligen Gesprächspartner, aber dann haben einige Fragen allen gestellt, um sie miteinander vergleichen zu können. Und um den Satz wieder aufzunehmen, so gut wie alle Männer haben uns geantwortet, ich habe zu viel gearbeitet. Ich habe mich viel zu wenig um Beziehungen gekümmert. Wo sind eigentlich meine Kinder? Warum rufen die denn nicht an? Oder ich weiß gar nicht, ob mein bester Freund noch lebt. Berechtigte Frage, wenn man mit einem hundertjährigen Mann redet. Aber das war durchgehend bei allen Männern. Und ich hätte viel mehr Zeit aufwenden sollen für meine Ehefrau, meine Kinder, meine Freunde, meine Familie, die Frauen. Und wir reden über die Jahrgänge von 1917, 1918, 1919, weil wir 100 Jahre später für dieses Buch recherchiert haben, haben gesagt, ich hätte mich mehr um meine Ausbildung, meine Schule, mein Studium, mich kümmern müssen. Ja, es war schwer, weil mein Vater, das haben ganz viele gesagt, oder meine Eltern es uns nicht oder mir nicht erleichtert haben. Ausbildung war Jungs Sache, aber nicht Mädchensache in jenen Jahren, aber ich hatte trotzdem mehr kämpfen sollen. Das waren Männer und Frauen. Und aus solchen Gesprächen, ich komme jetzt zu deiner Frage zurück, haben wir natürlich abgeleitet, was ist richtig, was ist für das eigene Leben, welche Fehler machen wir. Und jetzt bei dieser Recherche, und es war ja eine, auch wenn ich über die eigene Familie schreibe, ich habe mit meinem Vater lange Gespräche geführt, er wusste, dass ich an diesem Buch arbeite. in den letzten zwei Jahren, von denen ich ja nachher auch noch ein bisschen vorlesen werde und erzählen werde, was ist eigentlich wichtig im Leben und was ist das, worum es ihm ging, mir geht. Meine Mutter hat mir, als wir noch reden konnten, irgendwann gesagt, Klaus, was du wirklich nicht wissen kannst, ist, wie schnell alles vorbei ist und wie wenig Zeit es wirklich ist. ein Satz, der sich total eingebrannt hat bei mir, meine Mutter hatte gelebt, hatte viele Sachen gemacht aber das war eines ihrer oder ein Nähr ihrer bilanzierenden Sätze, es geht so schnell vorbei, sie wollte mir damit noch einmal sagen, was sie mir schon oft gesagt hatte, trau dich und mach was und mach das, was du wirklich machen willst was in Japan Ikigai heißen würde, tu das, was du wirklich machen willst weshalb du morgens aufstehst. Das war, so habe ich es gehört. So habe ich die Botschaft meiner Mutter gehört. Und damit habe ich mich sehr beschäftigt. Ich möchte es nicht zu esoterisch machen, aber das war ja deine Frage, Ralf. Darum ging es. Und darum geht es auch, wenn ich solche Texte schreibe, natürlich. Ich möchte ja selber dann auch dabei klüger werden.

Ralf Heimann

Ja, das ist, glaube ich, auch wieder ein Thema, das ganz viele Menschen beschäftigt. Ich habe dieses Wort, egal, bei der letzten Lesung, von der ich sehen durfte, gelernt erst. Und dann habe ich in einer Buchhandlung gesehen, dass im englischsprachigen Raum im Moment ein Buch mit dem Titel Ikigai ganz vorne in den Bestsellerlisten steht.

Klaus Brinkbäumer

Was übrigens nicht so empfehlenswert ist, dieses Buch, weil der Autor, ich will keine anderen Autoren madig machen, aber in diesem speziellen Buch hat er nur dieses Wort ausgeschlachtet. Da steckt keine Recherche drin, da steckt nur dieses eine Wort drin und dann kann man die japanische Weisheit auch ganz schnell übersetzen. Warum stehst du morgens auf? Was ist dir wirklich wichtig im Leben? Das bedeutet Ikigai. Dafür muss man dieses Buch nicht kaufen.

Ralf Heimann

Wir sind also bei der Frage, was ist wichtig im Leben? Und das war bei dir...

Klaus Brinkbäumer

Entschuldigung, jetzt habe ich doch einen anderen Autor.

Ralf Heimann

Schleiden wir raus nachher. Ich habe mich so geärgert, als ich es gelesen habe. Aber das gehört ja eben auch dazu, dass man erfährt, was wichtig ist im Leben und offenbar ist es nicht so wichtig, dieses Buch zu lesen. Das ist jetzt noch ein Traum. Das ist eine sehr elegante Folgerung. Also die Frage, was ist wichtig im Leben? Bei dir war das ganz lange deine Arbeit. Das hast du, also es ist immer noch, aber wahrscheinlich war das auch vielleicht eine unreflektierte Art und Weise das Wichtigste in deinem Leben, als es jetzt ist, wo du dich mit dieser Frage beschäftigt hast. Ich will jetzt überleiten zum Stiegel. Den Zähnegang. Jetzt kaum bemerkt. Ja, und diese ganz vielen Themen in diesem Buch, Abschied beispielsweise, die haben auch ganz viel natürlich mit der eigenen Identität zu tun. Und wenn man Abschied nehmen muss von etwas und etwas verschwindet, dann ist ja immer die Frage, was bleibt übrig von einem selbst? Also was macht eigentlich die eigene Identität aus? Und diese Frage hast du dir gestellt, als du 2018 dann plötzlich nicht mehr beim Spiegel warst.

Klaus Brinkbäumer

Ja, die habe ich mir gestellt. Die stelle ich mir weiterhin zum Glück, weil das ja auch zu den gerade schon so andiskutierten Gedanken führt. Was will ich eigentlich tun? Was will ich machen mit der Zeit, die bleibt? und wer will ich sein, worauf will ich mich wirklich einlassen. Ich hatte überlegt, ob ich über die Trennung vom Spiegel in diesem Text eigentlich schreiben soll, weil es natürlich eine ganz andere Ebene ist als Trauer, weil es eine Luxustrennung ist, auch das, die, wenn man als Spiegel-Chefredakteur dann irgendwann nicht mehr Spiegel-Chefredakteur ist oder wenn man ein Spielgeschäft oder Teil war und es dann nicht mehr ist, dann kommen Anwälte und das ist auch nicht nur traumatisch, das hat auch was Befreiendes. Und vor allem ist das etwas, womit du rechnen musst, wenn du diesen Vertrag unterschreibst, weil es immer so ist. Ich war überrascht davon, dass es zu dem Zeitpunkt kam, ich hätte das nicht erwartet so schnell, also früh. Ich fand es falsch, ich konnte es sachlich nicht nachvollziehen. Aber die Tatsache als solche ist eingepreist, wenn du es machst. Was ich wirklich relevant für diesen Text fand, war, was passiert, das Stichwort hast du gerade schon genannt, Ralf, was heißt das eigentlich für Identität? Und ich glaube, dass da etwas ist, wo dann auch Leserinnen und Leser vielleicht anschließen können, andocken können, weil wir alle diese Zugehörigkeiten haben und sie dann irgendwann nicht mehr haben. Das ist, wenn du in den Ruhestand gehst, nach langjähriger Berufstätigkeit, wenn du zu einer Gruppe gehörtest und nicht mehr dazugehörst, wenn, natürlich, wenn Menschen sterben, die eine Gruppe ausgemacht haben, die deinen Freundeskreis ausgemacht haben, aber auch, wenn du umziehst und einfach eine Identität hinter dir lässt, passieren diese Brüche. Und das fand ich relevant. Davon wollte ich erzählen. Für mich war der Spiegel wirklich Heimat und im schönsten Sinne das Team, in dem ich spielen wollte. Ich bin Mannschaftssportler durch und durch. Ich habe früher Handball und Volleyball gespielt und wollte immer Teil einer Mannschaft sein. Und ich war so stolz, als ich als 26-Jähriger in das Sporthussort beim Spiegel reingegangen bin Und dann mich dort beweisen musste. Ich fand das hart am Anfang. Ich wusste nicht, ob ich gut genug bin, ob ich das schaffe. Und diese Texte, die da erwartet wurden, schreiben konnte. Und dann war ich 25 Jahre lang dort. In wirklich der meisten Zeit so, dass ich gedacht habe, was soll ich für ein Glück gehabt? Fantastische Chefs habend, mehr Männer als Frauen. Ich würde gerne Chefinnen sagen, aber gab es zu der Zeit. Es waren nur männliche Ressortleiter, Chefredakteure. Die Chefs also, die mich aber wirklich gefördert haben, dann mich animiert haben, mach das, was du machen willst. Das Schönste ist, was man dir sagen kann, wenn du junger Reporter bist. Ich bin zu Stefan Austen dabei in den Chefredakteur gegangen und habe gesagt, ich möchte über Migration aus Afrika wirklich schreiben. Und wirklich heißt, ich möchte dahin. Und ich weiß nicht, wann ich zurückkomme. Ich möchte eine Geschichte, also eine Reportage schreiben und ehrlich gesagt auch ein Buch daraus machen. Das war so als in Deutschland ganz viel über Migration aus Afrika und in der Meerenge von Gibraltar. Das waren die Jahre 2005, 2004, 2006. War ein riesiges Thema damals, weil so viele Menschen in der Meerenge von Gibraltar zu Tode kamen. Und ich wollte dahin, wo die aufbrachen, also Westafrika und dann mit denen reisen. Stefan wusste nicht, wann ich zurückkomme, ob ich einen Text mitbringen würde, was für einen Text. Der hat nur gesagt, pass wirklich auf dich auf und gute Reise. Mir ging es so gut beim Spiegel. Und plötzlich, und ich hatte Freundschaften dort und es war, das Stichwort hast du gerade aufgebracht, das war Identität. Wenn du mich damals gefragt hättest, was bist du denn und wer bist du, Hätte ich hoffentlich gesagt, Familienvater, Ehemann, guter Freund meiner Freunde. Und irgendwann aber ganz gewiss unter den ersten vier, fünf Punkten. Und ich fürchte ein bisschen früher, als das, was ich gerade gesagt habe, wäre gekommen, ich bin Spiegelreporter oder Redakteur oder jedenfalls Spiegelmensch. Und plötzlich ist man es nicht mehr. Und das war irre hart und völlig egal, wie luxuriös das war. Das war das, wovon ich schreiben wollte, weil ich glaube, dass das auf die eine oder andere Art uns allen irgendwann so geht, weil diese Zugehörigkeiten leider enden. Und was machen wir dann? Das ist das, was ich wirklich auch für mich aufregend fand und erzählenswert, ergründenswert. Ich habe von einem, ich möchte keine Monologe halten, aber die eine kurze Geschichte noch. Ich habe von einem der Hundertjährigen, über die wir damals geschrieben haben, Roger Angel, einem Autor des New Yorker, der hat 70 Jahre lang für den New Yorker geschrieben, weil er 102 geworden ist, gelernt, wie das geht und wirklich gelernt, wie das geht, dass man immer neu anfangen kann, wirklich immer. Roger hat zwei Kinder verloren, zwei Kinder, die gestorben waren. Die Frau seines Lebens war ganz grausam an Krebs gestorben. Und natürlich hat er getrauert und tief getrauert, aber der hatte eine solche Energie. Und der wollte mit 95 noch Freunde finden. Wir haben uns erst kennengelernt, als er 96 war und sind dann enge Freunde geworden. Das lag aber auch an ihm, weil er mir Fragen gestellt hat. Mit 96, er wollte wissen, wie das in Deutschland ist und was Merkel macht. Also so eine Neugierde, so ein Wissenstreit, so eine Freude auch an Neuem. Der hat sich neu verliebt, der hat Bücher geschrieben, der hat immer wieder angefangen. Und das habe ich für mich, also ich habe ihn sehr als Vorbild auch gehabt, für mich so weiterzudenken versucht, okay, das ist jetzt vorbei. Und was jetzt? Wie dann leider? Und davon habe ich dann irgendwann auch erzählen wollen. Das Buch liegt hinten übrigens auch auf dem Büchertisch. Die 100-Jährigen meinst du? Genau.

Ralf Heimann

Ja, vielleicht kannst du die Passage mit dem Spiegel vorlesen. Ja, sehr gerne.

Klaus Brinkbäumer

Es gibt mehrere, ich liess eine, wie ich finde, eindringliche vor, die auch von Identität und dem, was ich gerade angedeutet habe, hoffentlich erzählt. Es ist Oktober im ersten Jahr der Abschiede. Herbst 2018 Und ganz am Ende, in den letzten Hamburger Tagen, feiern wir eine Party mit Freunden vom Schwiegel. Wir stehen im Vereinsheim des Erze St. Pauli und ich will nicht heucheln, ich sage, es waren wundervolle Jahre, eine aufregende Zeit. Aber das Ende war dunkel und durchtrieben und unaufgelöst. Ich habe vier Wochen gebraucht, um zu begreifen, dass sie mich weghaben wollten, obwohl sie etwas anderes sagten. Es wird beides überschätzt: Freundschaften und Feindschaften, das sagt mein Freund Wilfried. In Wahrheit prägen zufällig gestartete Kettenreaktionen unser Leben. Woran denke ich, wenn ich zurückdenke? Da ist der erste Ressortleiter, Heiner, der Dicke nennen wir ihn, den wir verehren, entverdammen, weil wir jung sind. Er lehrt uns das Handwerk, 125 Zeilen, genannt fünf Blatt, eine Seite im Heft. Der Dicke will uns zu Soldaten des Spiegel machen, an dessen Anonymität und quasi militärische Wucht er glaubt. Wir wollen freischreiben, unsere Namen gedruckt sehen wie die Stars. Der Dicke isst Weingummi, während er mit Lederfilzstift unsere Geschichten umschreibt. Ich denke an die Gespräche mit dem suchend selbstbewussten Boris Becker in Miami und München. An Beckers Spiele auf Court No. 1 in Wimbledon. Denke an die Unsumme, die wir zahlen im Rausch der Enthüllungen über Steffi Graf. Und einen Tag später, bei Durchsicht der Akten, sehen wir nunmehr nüchtern, dass das alles altes Zeug ist und mit Mühe für einen Text reicht. An Basketball mit Udo und Hajo denke ich. Auf dem Flur im 8. Stock an der Branskite. Da war das alte Spiegelgebäude, das steht jetzt woanders. Also das neue steht jetzt woanders. Und in einem Innenhof in Atlanta. Es sind die Olympischen Spiele 1996. Wir sind fertig mit der Wochenarbeit. Alles ist geschrieben und verifiziert und angedruckt. Wir feiern, wir grillen, als im Zentrum Atlantas das Attentat auf Olympia verübt wird und die Bombe explodiert. Wieder raus in die Stadt. In Deutschland werden die Druckmaschinen angehalten. Wir gehen noch einmal an die Arbeit. Im neunten Stock das Deutschland-Ressort. Wir schreiben über die Hamburger Attentäter des 11. September, schreiben über den Amokläufer Robert S. Erfurt und haben mit seinen Eltern besprochen. Wir schreiben über den Suizid Hannelore Kohls und kennen ihren Abschiedsbrief. Wir sind wieder ein Team, das nicht hält. Noch einmal in den achten Stock Ausland. Die schüchtern in Anfangstage. Mit dem Chef zu trinken, bis er durch die Kneipentür ins Taxi fällt, gehört zur Ausbildung. Ich muss gerade daran denken, während ich es vorlese. In jenen Jahren hat ein Ressortleiter des Spiegel eine Kneipe gepachtet. Und das fühlte sich so an, als gehörte die denen. Die hatten sie nur gepachtet, aber es war irgendwie die Kneipe von Olaf und Heiner und so. Und dann mussten die Assistentinnen und auch wir jungen Redakteure die Texte immer rübertragen in die Kneipe. Und da saßen die Herren Ressortleute und haben beim Bier redigiert. Und dann wurden wir rübergerufen, dann mussten die umgeschriebenen Texte wieder abholen. Dann ist lange her, das ist heute anders. Dann Cholo, das Geiseldrama in der Sulusee, Philippinen. Nach drei Wochen löst mich mein Kollege Andreas ab und dann wird Andreas entführt. Sie erinnern sich vielleicht an die Familie Wallert, die damals entführt worden ist. Die Wallerts aus Gothenien, das ist das Geiseldrama, das ich hier meine. Und dann wird auch Andreas entführt. Ich werde gebeten, wieder hinzufahren und herauszufinden, welche Wege es geben kann, den Kollegen freizubekommen. 27 Tage Verhandlungen, warten im Regenwald, so gut wie möglich in einem Kloster versteckt, damit nicht der Kollege Olaf und ich auch noch zu Geiseln werden. Dann die Einigung. Ich fliege von Holo nach Manila und dann mit einer Million Dollar in Päckchen aus Geldscheinen verteilt auf zwei schwarze, sehr schwere Sporttaschen im Privatflugzeug und mit zwei Leibwächtern zurück nach Holo. Dort die Geldübergabe im Haus des Gouverneurs, der 25 oder auch 50 Prozent bekommen wird. Der Gouverneur, ne? Und wir warten und dann fährt ein weißer VW-Bus vor und Andreas, der Kollege, ist frei. Im dritten Stock das Ressort Gesellschaft. Meine wahre Heimat. Das glaube ich auch dann noch, als es keine mehr ist. Ich denke an Kords Anruf, Kord war mein Ressortleiter dort. Jede Recherche, jede Reise, jeden Anruf so weit zu treiben, wie nur eben möglich, um die Bestmögliche aller Geschichten zu schreiben, egal wie lange es dauert. An die Partys dort im dritten Staub denke ich, einmal wippt der alte Herausgeber mit. Rolf Augstellen. An Haiti, das Erdbeben, denke ich. Ich fliege hin, wandere durch das erschütterte Land und schreibe eine Titelgeschichte auf dem Smartphone, weil ich sie nur auf diese Weise nach Hamburg senden kann. Als eines der Nachbeben kommt, stehe ich gerade unter dem Rinnsal von Dusche. In den Ruinen jener Schule, in denen ich übernachte. So will ich nicht sterben, denke ich. Und als ich überlebt habe, kann ich nicht mehr schreiben zum ersten Mal in all den Jahren. Ich zittere. Zurück in New York stehe ich mit meiner Reisetasche im Keller, will meine Sachen in die Waschmaschine stopfen und als ich den Reißverschluss öffne, ist da der Geruch von Port-au-Prince und ich sinke zu Boden. James Strain, Traumatherapeut der UNO, hilft mir wieder ans Licht. Am Ende fragt er, was beschäftigt dich denn sonst noch so? Gefürchtete Therapeutenfrage, glaube ich. Was beschäftigt dich denn sonst noch so? Willst du das wirklich wissen, frage ich und James lächelt. Das Ende einer Therapie, dies sollte die letzte Stunde und unser Abschied sein, wird zu einem Anfang. An die Stunden im Titelbildflur denke ich auch. Trump mit dem abgeschlagenen Kopf der Freiheitsstatue. Machen wir das wirklich? Nein, das geht nicht. Doch, genau das geht. Und was schreiben wir drauf? America first, ganz klein nur. Ich denke an die New Yorker Jahre für das Magazin. Die Wiese im Brine Park ist unsere Kantine. Die schönsten Jahre. An den Mittag im Hamburger Wasserschloss, denke ich, nicht weit vom Verlag. Wir sitzen zu viert dort. Alfred, Susanne, Dirk und ich. Die Chefredaktion, die nun zerbrechen wird. Wir berichten einander, was wir gehört haben. Nie wird mein Sohn mich als Spiegelmensch erleben. Obwohl der Spiegel ein Vierteljahrhundert lang Teil meines Wesens war. Meine Eltern in Hiltrup. So verschreckt, so schockiert. Was passiert denn da, Cain? Eltern in Sorge. Der ungeborene Sohn ist sieben Zentimeter groß. Bitte keine Aufregung, sagt der Arzt. Der Anwalt sagt, suchen Sie Abstand. Und ich weiß sehr genau, dass auch dies ein Privileg ist, ein Geschenk. Die Freiheit und darum, die Wahl zu haben, zu bleiben oder zu gehen, darum aufbrechen zu können. Wie wird das Leben werden? Wer hält uns, wer heißt uns willkommen, nach jenen Abschieden die Wunden hinterlassen? Ich möchte in diesem Text nichts aufrechnen, auch nicht abrechnen. Viele Menschen verlieren deren Arbeitsplatz, den sie gestern noch für garantiert hielten. Ich weiß das und weiß allemal, dass mein Abschied, von dem ich hier erzähle, die Luxusvariante einer Trennung war. Wie sehr es aber schmerzt, das zu verlieren, was Identität ist. Heimat seit 25 Jahren. und wie sehr es schmerzt, wenn kein Danke, kein Mach's gut mehr gesagt wird, weil jetzt kein ehrliches Wort mehr fällt, weil alles Vertraute durch gewollte oder auch hilflose Kälte ersetzt ist. Kennen dies nicht alle, die am einen Tag noch dazugehörten und am nächsten nicht mehr? Ich denke an die letzte Konferenz, sie beginnt ohne mich, weil ich nicht mehr dazugehöre. Ich sitze wartend und zum letzten Mal oben an meinem Schreibtisch. Ich werde per Telefon dazugebeten, bin bereits zu einem Tagesordnungspunkt geworden, mit dem Fahrstuhl hinunter, den Gang entlang, ich öffne die Tür. Ein voller Raum, alle Blicke auf mir, ich sitze einer Wand aus Wegbegleitern gegenüber und der Weg endet jetzt. Maybe grief is just disbelief, ist mein erster Satz. Es war mir eine Ehre und ein großes Abenteuer, ist mein letzter Satz in diesem Haus. Vor dem nächsten Tagesordnungspunkt muss ich hinaus, dann nehme ich den Fahrstuhl in die Tiefgarage und fahre ans Tageslicht und nach Westen und betrete das Haus, das zu Hause war, seither nie wieder. Dankeschön.

Ralf Heimann

Klaus, du hattest gerade eben ganz zu Beginn gesagt, dass das Buch mit deiner Mutter anfängt. und mit deinem Vater aufhört. Und dass mit diesem Thema Abschied auch ganz viele andere Themen verbunden sind. Im dritten Teil jetzt, wo es um deinen Vater geht, geht es um nochmal eine ganz andere Form von Abschied. Du hast das Verhältnis zu deinem Vater bei der letzten Lesung, die ich gesehen habe, ganz schön beschrieben. Du hast gesagt, es sei zeitweise auch abhängig gewesen von deinen Lateinnoten. Das müsstest du jetzt erklären.

Klaus Brinkbäumer

Ja, das ist, glaube ich, erklärungsbedürftig. Es gab die Jahre, wo ich gedacht habe, mein Vater respektiert mich nur, wenn ich es so sage, wie ich es wirklich meine. Dann müsste ich sagen, mein Vater liebt mich nur, wenn ich mindestens eine 2 Plus im Latein schreile. Eher besser. Und die Erwartungen waren höher eine Zwei-Plus. Und das Verhältnis hat sich sehr verändert über die Jahre

Ralf Heimann

und Jahrzehnte. Wir müssten vielleicht kurz dazu sagen, dein Vater war Schuldirektor am KVW in Hiltrup, im Lateinlehrer.

Klaus Brinkbäumer

Ja, ja. Und ich erinnere mich. Ja, ja. Ja, er war Schulleiter dort am KVG und leidenschaftlicher Pädagoge. Latein und Griechisch waren seine Fächer. war dann nicht mehr so populär in der Zeit, als ich Schüler war. Latein war aber immer noch eines der sehr gepflegten Fächer dort und er war sehr stolzer Lateinlehrer und dann, ich hatte eigentlich bei einem anderen Lehrer Latein, Entschuldigung, und der war dann krank geworden, dann übernahm mein Vater auch noch unsere Klasse. Und er hatte den Ruf, ein strenger, aber gerechter Lateinlehrer zu so sein, aber ich konnte mit diesem Ruf nicht so viel anfangen.

Ralf Heimann

Ja, du hast ja auch eben anfangs gesagt, dass dann in dieser ersten Szene, die du vorgelesen hast, dieses zeitweise schwierige Verhältnis zum Ausdruck kommt, das verändert sich aber im Laufe der Zeit. Und Abschied heißt dann ja vielleicht auch, dass man sich von alten Mustern löst, von alten Dynamiken innerhalb der Familie und dass man versucht, neue Wege findet, miteinander umzugehen. Und in der ersten Szene ging es auch um Verständnis füreinander und das hat sich erst im Laufe der Jahre entwickelt. Kannst du vielleicht diesen Prozess, der da stattgefunden hat, dass ihr euch erst voneinander getrennt habt und dann nachher wieder angenähert habt, kurz erklären? Ja, sehr gerne.

Klaus Brinkbäumer

Ich glaube auch, dass das ein Thema ist, dass oder ich weiß es aus meinem Freundeskreis, mit dem andere Menschen, wir reden ja dann doch über Generationenthemen, etwas anfangen können. Mein Vater ist Jahrgang 34, Kriegsgeneration, auf einem Bauernhof zwischen Senden und Allwachten aufgewachsen. Er war der älteste Sohn seiner Eltern. Der Vater war Soldat, war im Krieg, war lange weg. Und mein Vater war in den Kriegsjahren dann eben der sieben-, acht-, neunjährige Junge und hat das, was er dort gesehen hat, erlebt hat, auch die Angst, die er gehabt hatte, sein Leben lang mit sich getragen, auch überwunden ist ein sehr großes Wort, aber er hat wirklich seinen Weg geführt. Er wollte unbedingt Lehrer werden und das war natürlich nicht einfach mit dem Hintergrund. es war von ihm erwartet worden, dass er den Hof übernimmt, das wollte er nicht dann ist er von diesem Bauernhof mit dem Fahrrad zum Paulinum gefahren er ist gegen den Willen seiner Eltern aufs Gymnasium gegangen sie haben es nicht richtig massiv zu verhindern versucht, aber sie wollten es nicht, dass er auf das Gymnasium geht und jeden Tag mit dem Fahrrad zum Paulinum im Winter ich lese gleich noch eine Szene vor, es waren auch harte Lehrer, mit denen er da zu tun hatte Und da war er der Junge vom Land, der nicht so akzeptiert war in der großen Stadt Münster. Aber er ist seinen Weg gegangen, weil du gefragt hast danach, wie wir uns auch zu den eigenen Eltern stellen. Ich konnte, als ich ein Jugendlicher war, meinen Vater überhaupt nicht schätzen für seine Leistung und seinen Weg. Und ich fand das spießig, vom Bauernhof zwischen Albacht und Senne, wie gesagt, nach Hiltrup. Was ist denn das für ein Weg? Aber es war ein riesiger Weg für ihn und eine enorme Leistung. Und es braucht Zeit, das zu verstehen, also Zeit für uns Kinder. Ich bin jetzt selber Vater, aber ich sehe mich da in der Position des Sohnes. Und ich habe so nach und nach Achtung entwickelt, wirklich stolz, stolz ist ein ganz großes Wort für mein Verhältnis zu meinen Vatern, stolz entwickelt auf den Weg, den er gegangen ist. Und dafür braucht es Zeit. Ich bin wirklich richtig dankbar dafür und dankbar ist das treffende Wort, dass wir diese Zeit hatten. Ich habe Klassenkameraden von früher, Freunde von früher, Freundinnen natürlich ebenso, deren Eltern früher gestorben sind. Und dann gab es die Zeit nicht, sich anzunähern, über all die Dinge zu reden. Ich konnte nach dem Tod meiner Mutter mit meinem Vater lange Gespräche führen. Ich bin natürlich immer nach Münster gefahren, weil er so alleine war. Und dann hatten wir lange Wochenenden, wo wir geredet haben, wo ich teilweise dann auch Interviews mit ihm geführt habe. Er wusste, dass ich an diesem Text arbeite, über Interviews geführt habe, über sein Verhältnis zu seinem Vater und zu seinem Großvater und so viel gelernt habe. Ich habe immer wieder mal währenddessen an Wolfgang Niedecken gedacht, den Sänger von Babb. Von Wolfgang steht ein Zitat auf der Rückseite des Buches, weil das das andere Extrem ist. Das große Lied, verdammt lang her, von Babb, also der Song von Babb. Wir haben viele, viele sehr gute Lieder geschrieben, aber das ist das eine Lied, mit dem diese Band natürlich immer verbunden wird. Dreht sich um den Tod seines Vaters, den viel zu frühen Tod seines Vaters. Wolfgang hat, wir sind heute befreundet, hat mir erzählt, wie sehr er, und deswegen ziehe ich diese Parallele gerade, mit seinem Vater gehadert hat, als er Wolfgang ein Jugendpicher war. Und wie sehr er den einen Vater für spießig gehalten hat. Das Wort, das ich gerade für meinen Vater verwendet habe. Und der Vater wollte nur, dass Wolfgang etwas Ordentliches lernt. Auch keine absurde Erwartung von Eltern. Und der Sohn wollte aber Kunst studieren oder eine Rockband gründen. Er hat beides gemacht. Er hat Kunst studiert und eine Rockband gegründet. Und er sagt heute, dass er den Vater viel zu streng behandelt habe, mit der Ignoranz der Jugendlichen eben. Und dann war der Vater tot. Und es gab all die Gespräche nicht mehr. Und es gab die Versöhnung nicht mehr. Es gab die Liebe nicht mehr. Es gab all das, was Jahrzehnte dann auch verändern können und heilen können, nicht mehr. Und ich bin, wie gesagt, so schließlich den Bogen, so froh darüber, dass es bei uns anders war. Wir hatten Zeit, wir hatten Zeit und letztlich war das vor allem die Zeit, die ich brauchte. Mein Vater brauchte gar nicht so viel Zeit, stolz auf mich zu sein oder er brauchte vielleicht schon Zeit dafür, sich mitzuteilen. Das war das andere. Mein Vater hat nicht sehr viel geredet früher, viel über Latein geredet, aber nicht so viel von sich, über seine Gefühle. Und das zuzulassen, dass er sich dann also auf die Fragen eingelassen hat, die ich ihm gestellt habe, dafür brauchte wiederum er Zeit. Und wir hatten die, zum Glück.

Ralf Heimann

Das war ja sozusagen ein Weg, also von der Verachtung, die du gerade eben beschrieben hast, hin zu dem Respekt, der über Verständnis führt. Und kannst du einzelne Punkte ausmachen, an denen sich dieses Verständnis ergeben hat, also vielleicht so Wendepunkte? Oder war das ein ganz langer, unmerklicher Prozess, der da stattgefunden hat?

Klaus Brinkbäumer

Eine Kombination aus beidem, würde ich sagen, weil die Zeit hilft. Und dann hilft es aber auch, weil du über Wendepunkte oder weil du nach Wendepunkten gefragt hast. Dann hilft es auch selber, Vater zu werden und die Perspektive zu drehen. Und zu erleben, wie die eigenen Kinder kommunizieren. Also mein Sohn ist noch klein, ist jetzt sechseinhalb, aber meine Tochter ist groß und erwachsen. Und wie kommuniziert Cora mit mir? Wie teilt sie sich mir mit? Wie wünsche ich mir, dass sie sich mir mitteilt? Und zum Glück tut sie es. Ich war ein ganz, als Jugendlicher bin ich in meinem Keller verschwunden. Zum Glück durfte ich das Kellerzimmer haben bei uns. Und dann bin ich nach Hause gekommen, links abgebogen, Kellertreppe runter und war weg. Und meine Mutter hat mir eine Frage hinterhergerufen. Wie war es in der Schule? Ich habe so ein Gut hochgerufen und dann war die Tür zu und ich war weg. Dass das sehr schroff war, dass das auch kränzend war für meine Eltern, habe ich in Wahl so richtig erst gesehen, als ich selber Vater war und mir Kommunikation mit meinen Kindern gewünscht habe. Und ich versuche sehr darauf aufzupassen, dass diese Kommunikation für alle, Also sinnvoll ist ein doofes Wort, ich weiß, was ich sagen will, schön ist. Und ich versuche, sie von mir aus zu pflegen und am Leben zu halten. Also es gibt dann irgendwann die Veränderungen, auch deshalb, weil die Rollen ja auch getauscht werden im gewissen Sinne. Die Eltern werden alt, werden bedürftig. Wir Kinder übernehmen Aufgaben, die früher die Eltern für uns übernommen hatten. Auch das gehört dazu. Und auch da bin ich sehr froh, dass wir diese Jahre hatten.

Ralf Heimann

Ist es denn nur der Perspektivwechsel oder ist es vielleicht auch die Erkenntnis, dass man sich doch ähnlicher ist, als man sich das immer gewünscht hatte?

Klaus Brinkbäumer

Teufelter Gedanke, ja, ja. Das ist es auch. Und das eine hat aber mit dem anderen zu tun. Das kann man ja nicht auseinander differenzieren. Durch den Perspektivwechsel siehst du Ähnlichkeiten. Durch dann wiederholen sich Muster in der Erziehung. Du erlebst deine eigenen Kinder als Enkel deiner Eltern. Siehst, wie die Großeltern also mit den Enkeln spielen. Bilder aus der Kindheit entstehen. Das hat bei uns auch viel mit dem Elternhaus zu tun. Ich hatte das Glück, meine Schwester natürlich ebenso, dass es dieses Elternhaus in Hiltrup bis heute gab und gibt. Und das war so ein richtiges Zentrum der Familie, wo wir glückliche Jahre hatten, wo ich dann aber nichts wie weg wollte als 17-, 18-Jähriger. Ich wollte unbedingt raus dort. Ich wollte aus Hittrop weg. Und dann aber sehr, sehr gerne wieder zurückgekehrt bin und liebend gerne dort war. Auch der Ort ist entscheidend. Der hat bei uns ebenfalls eine große Rolle gespielt.

Ralf Heimann

Ja, ich hatte gerade ganz am Anfang schon gefragt, mit welchen Gefühlen das für dich verbunden ist, wenn du wieder nach Münster kommst. Und es ist ja auch eine Frage, die sich jeder stellt und irgendwann dann vielleicht auch erleben muss. Was verändert sich denn tatsächlich, wenn man als erwachsener Mensch, der seine Eltern gar nicht mehr braucht, seine Eltern verliert, also in gewisser Weise auch einen Bezugspunkt?

Klaus Brinkbäumer

Das ist der schmerzhafte Heimatverlust, von dem ich erzählen möchte. Das fühlt sich leer an. Das fühlt sich so grausam endgültig an, wie in meinem Leben bisher noch nichts war. Das Elternhaus ist nicht mehr das Elternhaus ohne die Eltern. Das steht noch, das gibt es noch. Ich werde da auch nachher wieder hinfahren, aber ganz allein wird sein. Und das hat etwas so Endgültiges, wie ich es in meinem Leben bis dahin noch nicht erfahren hatte.

Ralf Heimann

Das ist ja aber auch wieder ganz interessant, weil das ist ja so ein, wenn man das jetzt gegenüberstellt, du schreibst davon, dass viele Menschen in der Nachkriegsgeneration, Kriegsgeneration, sich diesen Gefühlen, die natürlich auch sehr intensive und schlimme Gefühle waren, darum geht es ja auch bei deinem Vater, gar nicht gestellt haben, vielleicht auch, weil sie nicht auszuhalten waren. und ein anderer Weg ist, diese Geschichten zu erzählen. Du hast gerade eben gesagt, wenn du von deiner Trauer erzählt hast, hast dich niemand ausgelacht. Man macht dann die Erfahrung, dass das ein guter Weg ist, damit umzugehen. Vielleicht kannst du diese Passage über deinen Vater vorlesen? Ja, sehr gerne. Ist das die, in der es auch ums Melken geht?

Klaus Brinkbäumer

Falls nicht, erzähle ich es nach. Aber ich glaube, ja, es geht auch darum. Das ist ein sehr schöner Klick.

Ralf Heimann

Das macht so sehr schön deutlich, warum es ein weiter Weg war.

Klaus Brinkbäumer

Samstagabend in Leipzig. Es ist der 29. Juni 2024 im siebten Jahr der Abschiede. Und ich weiß nicht, was in Hildrup geschieht und bereits geschehen ist, während ich in Leipzig feiere, diskutiere, lache, Grillgürste esse und Bier dazu trinke, den Tipp 2 zu 0 gegen Dänemark und 12 Euro gewinne, Europameisterschaft, und all dies unter Bäumen in einer Sommernacht mit meinem Freund Piet und seinen Freunden. Oder auch, ich weiß nicht, was in Hildrup geschieht oder vielleicht schon geschehen ist, als ich am Nachmittag über den Kulquitzer Seeschwanke Alexej vorn auf dem Board mit den Füßen im Wasser, hinter ihm ich stehend pabbelnd und wir lachen und singen die Vogelhochzeit und springen hinein. Wir haben keine Ahnung, was in Hiltrup geschieht oder schon geschehen ist. Ein Sommertag und eine Sommernacht verstreichen den unschuldigen Glück mit Freunden und Kind und Ehefrau und erst am nächsten Morgen klingelt es. und dort stehen zwei schwerbewaffnete Polizisten. Ob sie hereinkommen dürften, ob ich mich setzen wolle. Ich überlege kurz, ob irgendetwas mit dem Auto war, ein nicht bezahltes Parkticket. Ich denke, verdammt, ich habe noch nicht geduscht, was, wenn sie mich mitnehmen wollen. Und dann weiß ich, was kommen wird. Ihr Vater seien sie. Das Kriminalkommissariat 31 aus Münster hat die Kolleginnen und Kollegen in Leipzig um Amtshilfe gebeten. denn Bernhard Brindbäumer ist am Samstagabend des 29. Juni tot aufgefunden worden. Um 19.06 Uhr ging der Anruf bei der Polizei ein. Der Sohn der Haushaltshilfe, Achmed, hatte für meinen Vater einkaufen wollen, morgens um 10, aber mein Vater hatte ihn nicht ins Haus gelassen. Am Nachmittag hatten sie bei ihm angerufen, aber niemand nahm ab. Am Abend fuhren sie hin, zu zweit, Mutter und Tochter, Und die Nachbarin Naemi, die einen Schlüssel hatte, ließ die Haushaltshilfe hinein und ging selbst mit. Die Tochter traute sich nicht und wartete vor der Haustür. Heute ist der zweite Tag in meinem Leben ohne Eltern. Es ist ein regnerischer Montag in Deutschland, außerhalb des ICE-Fensters, ein grünes Deutschland. Felder, Bäume im Regen. Ich komme gleich dort an. Hiltrup mit langgezogener erster Silbe. So wurde der kleine Bahnhof in den Jahren meiner Kindheit angesagt. Und dort stand ich damals mit meinem Vater und wartete auf meine erste liebe Simone, die Fahrschülerin war aus Rinkerode. Sommerregen. Anderswo in Deutschland ist es eine verregnet gelungene Europameisterschaft. Und Deutschland macht mit dieser EM auch ohne meinen Vater einfach weiter. Ich sitze auf der Terrasse meines Elternhauses, allein mit ein paar Mücken. Es regnet herbstlich üppig. Ich darf das Haus nicht betreten. Das Haus ist versiegelt. Was den Polizisten leidtut, ja, das ist wahr, das hätten sie mir natürlich sagen sollen, sie haben es vergessen. Weil unser Vater gestürzt ist und Verletzungen hat, muss er obduziert werden und so lange dürfen wir nicht hinein. Es ist das erste Mal in meinem Leben. Hausverbot im Elternhaus. Wenn die Eltern fehlen, wer schützt uns dann? Es wird kühler, es fällt noch mehr wegen, es kommen zusätzliche Mücken. Wohin? Manchmal fuckt alles ab, sagt Karl, genannt Chef, Sohn unserer Freundin Julia. Aber da höre ich einen Ruf. Hallo? Und da steht der Nachbar meiner Eltern und fragt, ob ich zu ihm und der Nachbarin kommen wolle, ins Warme, ins Trockene. Sie hätten auch Kaffee und etwas zu essen und ein Bett. Irgendwann wird alles besser und sogar gut, das sagt Julia, Chefsmutter. Morgen wird, was jetzt, jetzt ist, vergangen sein. Und zwei Tage beginnen, in denen ich aufgefangen werde. Wenn ich aus dem Wohnzimmerfenster oder dem Badezimmerfenster der Nachbarn blicke, sehe ich nebenan das Elternhaus, so wie ich es noch nie gesehen habe. Alt ist unser Haus geworden, ein bisschen schrumpelig. Wir reden über meine Eltern, über Junge und Alte, über vergehende Zeit. Ich rufe bei der Polizei an, verhandle einen kleinen Sieg heraus, dass ein Polizist kommt und mich für 30 Minuten in mein Elternhaus begleitet, wo ich das Blut auf der Kellertreppe sehe und die Brille auf dem Wohnzimmertisch. Wieso ging er denn ohne Brille? Und wo ich alle Unterlagen dort finde, wo sie sein sollen, links im Schreibtisch, das hat mein Vater mir vor vier Wochen gesagt. Einen Ordner sehe ich dort, in dem er meine Texte gesammelt hat, Leitartikel, Reportagen, ich hatte keine Ahnung. Am Schreibtisch meines Vaters blicke ich mich um. Hinter mir die Lateinbücher. Cicero, Bergil, Cäsar, der Gallische Krieg. Blicke ich nach vorne, sehe ich Fotos von Jutta und mir. Ich sehe den Spruch an der Wand, den er liebte. Wenn die Kinder klein sind, gib ihnen ein Nest, sind sie groß, gib ihnen Flügel. Und ich denke zurück und nach vorn und verstehe. Trauer gehört zum Leben, weil Abschied zum Leben gehört. Beides ist Teil der menschlichen Erfahrung. Es gibt kein Leben ohne Abschied und Trauer. Sei also dankbar für alles, für die gesamte menschliche Erfahrung. Lasse sie zu. Und nimm dir Zeit. Nimm die Abschiede und die Trauer wahr und nimm sie an. Denn nur so kannst du das ganze Leben wahrnehmen und annehmen und leben. Alles hier zu Hause ist so, als würde er gleich um die Ecke biegen. Meine Mutter auch. Auch ihre Sachen liegen immer noch überall. Froh bin ich, dass ich hier nicht schlafe, sondern bei den Nachbarn. Und dankbar bin ich dafür, nun fühlen zu dürfen, wie kostbar diese Nachbarschaft, dieser Freundeskreis ist, in dem meine Eltern fünf Jahrzehnte lang ihre Heimat hatten. Von nebenan blicke ich in unseren Garten und sehe uns Volleyball spielen auf dem Rasen hinter dem Haus. Jutta und mich, sie pritscht, ich schlage, sie baggert, ich pritsche, sie schlägt, ich baggere. Minutenlang fällt er bei mich zu Boden. Sehe ich meinen Vater vor mir, dann wird mir warn. Ich bin dankbar, stolz, lebensfroh. Ich weiß, dass nicht viele Menschen auf der Erde die Chance haben, selbst zu entscheiden, was sie tun und wie sie leben wollen. Ich weiß es durch meine Eltern, dass wir, wenn wir schon dieses Glück haben, es auch greifen sollten, unsere Zeit und unsere Möglichkeiten an jedem einzelnen Tag nutzen sollten. Denke ich an meinen Vater, bin ich traurig hier und in diesen Hildruber Tagen, vor allem traurig. Jutta und ich, wir litten mit ihm, weil sich seit dem Tod meiner Mutter seine Welt so verkleinert hat. Weil er nicht mehr wollte oder konnte oder können wollte. Weil er sich nicht helfen lassen wollte. Weil er stur war, Westfale, durch und durch. Kind vom Bauernhof, Kriegsgeneration. Mein Vater tat, was er tun wollte. Etwas anderes tat er selten. Denke ich an meinen Vater, sind da zarte, liebevolle Gefühle. Das wäre früher anders gewesen. Früher wollte ich weg. Ein Teenager, der sich am Vater rieb. Ich habe ja nicht einmal mehr das Abiturzeugnis von ihm, dem Leiter meiner Schule, entgegengenommen. Meine Mutter vertrat mich in der Aula. Das war eine der schlimmsten Kränkungen. Früher habe ich es eher mit Franz Kafka gehalten, der seinem Vater dies schrieb. Manchmal stelle ich mir die Erdkarte ausgespannt und dicht quer über sie hin ausgestreckt vor und es ist mir dann, als kämen für mein Leben nur die Gegenden in Betracht, die du entweder nicht bedeckst oder die nicht in deiner Reichweite liegen und das sind entsprechend der Vorstellung, die ich von deiner Größe habe, nicht viele und nicht sehr trostreiche Gegenden und besonders die Ehe ist nicht darunter. Das änderte sich. Stolz, Verständnis, Dankbarkeit, Liebe brauchen mitunter Zeit. Sehe ich meinen Vater, dann sehe ich ihn in seinem eiskalten Kinderzimmer. Erhitzte Ziegelsteine sind die Wärmflaschen jener Jahre. Ich sehe ihn lesend, Lederstrumpf. Es ist Anfang Dezember, er hat sein Weihnachtsgeschenk bereits im Schrank entdeckt und nach wenigen Nächten hat er es durchgelesen. Es gibt dieses eine Buch und nichts anderes zu Weihnachten. Der heilige Abend kommt, oh wie toll, danke, sagt mein Vater, als er den Lillerstrumpf auspackte. Ich sehe ihn ängstlich, immer schon an jenem Tag, an dem sein Vater, mein Großvater, über die Felder nach Hause zum Hof stapft und heimkommt von der Front. Ich sehe meinen Vater, der ein ängstliches Kält ist. Bereits in diesem Moment jenen anderen Tag fürchtend, an dem der Vater wieder zurück muss in den Krieg. Ich sehe meinen Vater nach Senden gehen. Es ist 1945 und mein Vater sieht die 16 Leichen. Das waren junge Männer und Jungs, aber die jüngsten waren 13, die dort eine Straßenkreuzung in Senden verteidigen mussten in den letzten Kriegsdagen. Es war wie in dem Film Die Brücke. Ein Befehl, den es nicht mehr hätte geben müssen. Und mein Vater war elf. Also er hat sich sein Leben lang vorgestellt, wie knapp es war. Wenn ich an meinen Vater denke, sehe ich ihn auf dem Fahrrad nach Münster fahren zum Paulinum. Ein weiter Weg. Noch viel weiter bei Regen und Schnee. Ich sehe, wie mein Vater beim Weitsprung umknickt und dennoch weiterspringen muss. Noch einmal und noch einmal. So sind die Lehrer damals. Er beschließt, ein besserer Lehrer zu werden. Mit seinem Akkordeon sehe ich ihn. Er hatte eine kleine Band. Mit seinem Akkordeon sehe ich ihn. Und dann erblickt dieses Mädchen aus Senden. Vielen Dank.

Ralf Heimann

Wir sind nicht gut in der Zeit, aber trotzdem... Du hast es zu lange gelesen. Nein, nein, nein, ich habe zu viele Fragen gefällt.

Klaus Brinkbäumer

Wir müssen aber eins noch auflösen.

Ralf Heimann

Ach, das Melken, genau. Ich wollte jetzt...

Klaus Brinkbäumer

Das können wir nicht. Natürlich. Also es gab, es gibt eine andere Szene und auf die hatte Ralf abgehoben bei seiner Frage und die war jetzt nicht in dem Teil, den ich vorgelesen habe, weil wir müssen unbedingt natürlich diese kleine Geschichte erzählen. Die geht auch ganz schnell. Ich habe meinen Vater bei diesen Gesprächen, die wir dann geführt haben, wie vorhin schon gesagt, nach dem Verhältnis zu seinem Vater und zu seinem Großvater gefragt. Seinen Großvater habe ich nie kennengelernt. Und dann sagte er, dass er mit seinem Vater nie, wirklich kein einziges Mal, solche langen Gespräche geführt habe, warmen Gespräche über Gefühle geführt habe. Ein Bauer, der dann im Krieg war. Und es gab, so sagte mein Vater, kein einziges Mal so einen Moment, wie wir ihn in genau diesem Moment gerade hatten. Da habe ich ihn nach seinem Großvater gefragt. Dann sagte er, sein Großvater habe ihm einen Rat fürs Leben gegeben. Wenn du wirklich weg willst von diesem Hof, wenn du etwas anderes machen willst, dann lerne nie, eine Kuh zu melden. Und wir reden über einen Bauernhofsohn, Jahrgang 34, Kind vom Bauernhof. Und mein Vater sagt, der habe nie in seinem Leben eine Kugel gewollt.

Ralf Heimann

Vor allem der älteste Sohn, ne? Der älteste Sohn, ja. Ja, ich würde jetzt mit dem Mikrofon rumgehen. Sie haben ja sicherlich noch einige Fragen. Sehr gerne, ja.

Zuschauerin

Wie lange hat es gedauert, bis Sie dieses Buch, also wie lange brauchen Sie, um ein Buch zu schreiben?

Klaus Brinkbäumer

Ganz unterschiedlich lange bei unterschiedlichen Projekten. Ich habe vorhin kurz diese eine Woche in New York angesprochen. Das war eine richtige Schlüsselwoche. Insofern, als ich im Flugzeug, also wie gesagt, ich steige also ins Flugzeug, will meinen besten Freund in New York besuchen, möchte einfach eine Urlaubswoche haben, Ich habe noch keinen Gedanken daran, dass meine Trauer komplett verändern wird und dass dann am Ende dieser Text stehen wird. Ich weiß das nicht. Ich lese aber im Flugzeug einen Text in der New York Times über einen Podcast von Anderson Cooper, dem CNN-Moderator, der einen Podcast über Trauer gemacht hat, All There Is, sehr empfehlenswert. Ein wirklich fantastischer Podcast, der aus allen Richtungen über Abschiede sich um Abschiede dreht. Ich lese diesen Text, steige in New York aus dem Flugzeug und fange sofort an, diesen Podcast zu hören, weil es mich so richtig erreicht hat. Und fahre dann in die Stadt. Und das, was ich vorhin erzählt habe, ich möchte es nicht wiederholen, eine ganz, ganz ruhige Woche, in der ich mich fast nur mit diesem Thema beschäftige und auf Parkbänken sitze und über meine Mutter nachdenke, beginnt. Und dann setze ich mich hin und führe Tagebuch und schreibe. Noch nicht mit dem Ziel, dass daraus etwas entsteht, was ich veröffentliche. Aber ich bin Journalist, ich schreibe immer Notizbücher und notiere mir das, was mir auffällt oder was ich wichtig finde. Und das, was ich da erlebt habe, fand ich wichtig. Dann habe ich also lange Passagen aufgeschrieben. In Wahrheit entsteht also die erste Fassung dieses Textes natürlich nur die ersten Jahre, nicht die Schlussjahre. Die kommen dann erst noch. Die ersten Jahre in dieser einen Woche. weil ich ganz viel notiert habe und auch wirklich so loslassen musste und mich darauf einlassen musste. Und weil ich mit Texten arbeite und groß geworden bin, fühlte sich das natürlich an, das eine wie das andere. Ich habe mir die Zeit genommen und habe das dann auch gleich aufgeschrieben, ohne daran zu denken, wie gesagt, dass ich das in irgendeiner Form mal veröffentlichen würde. Und danach dann noch zwei Jahre ungefähr, aber ich habe auch dann zwischendurch natürlich andere Sachen gemacht, aber vielleicht zwei Jahre Arbeit an dem Text, fortschreitend. Und als mein Vater dann starb, dann hat es sich auf eine wahnsinnig traurige Weise gerundet. So mag ich das eigentlich gar nicht formulieren. Oder die, dann habe ich in dem Jahr danach fertig geschrieben, auf diese Weise, über die ich eingangs geredet habe, Gespräche führen. Wollen wir das eigentlich? Ist das ein Buch oder ist das ein ganz privater Text? Und dann so beantwortet, wie ich es vorhin schon erklärt habe. Also es hat unterschiedliche Phasen, das will ich damit sagen. Vielleicht drei Jahre wirklich konzentrierte Arbeit an dem Buch. Das ist vielleicht die kürzeste Antwort.

Carola von Seckendorff

Ich bin Karola von Seckendorf. Ich arbeite hier an diesem Haus seit 30 Jahren.

Klaus Brinkbäumer

Wie schön, dass wir uns wiedersehen. Hallo.

Carola von Seckendorff

2018 war das Jahr, wo du Schirmherr warst des Festivals. Also das 24 Stunden Münster. Und du konntest nicht da sein, weil diese Dinge beim Spiegel passieren. Ich weiß. Da wir ja auch viel im Theater biografisch arbeiten und mit den Geschichten unserer auch alten Eltern, ähnlich alt sind wie deine, dein Vater, du hast deinen Vater interviewt. War der damit einverstanden, dass du über ihn dann auch schreibst?

Klaus Brinkbäumer

Ganz interessant, ich habe vorhin in der Pause mit Ralf und meiner Cousine Sabine, die hier ist, Sabine da grüße dich, ich habe dich gerade nicht gesehen, genau darüber gesprochen, was würde meine Eltern eigentlich sagen? Ich hatte auch bei einer Lesung in Hiltrup, da waren dann Freunde meiner Eltern, diese Frage natürlich und hatte sie auch erwartet. Das ist ja nichts als legitim. Und letztlich kann ich es nicht wissen, was die fertige Form des Textes angeht. Fände mein Vater Passagen über die Ehe meiner Eltern indiskret? Vielleicht, mutmaßlich ja. wenn er wenn er ich glaube nicht, dass ich indiskret bin, aber eine ehrliche Betrachtung braucht ein solcher Text, sonst muss man ihn gar nicht schreiben wenn du wirklich über das schreiben willst, was wichtig ist, dann geht es nur geht es nur in ernsthafter Auseinandersetzung das war jedenfalls mein Gefühl ich glaube, wenn mein Vater und das ist ein versöhnlicher Gedanke vielleicht tröste ich mich auch nur wenn er es zu Ende lesen würde. Und die letzten, und das würde er natürlich tun, die letzten 20 Seiten lesen würde, die sehr, sehr, sehr warm sind und um das veränderte Verhältnis zu meinen Eltern und ganz besonders zu meinem Vater kreisen, den Stolz, den ich empfinde, dann wäre er mutmaßlich berührt und froh. Ganz wichtig für mich ist, dass er wusste, dass ich daran arbeite, dass wir über meine Mutter, über ihn geredet haben, dass er wusste, dass da ein Telefon auf dem Tisch liegt und ich ein Interview mit ihm führe oder mehrere oder private Gespräche auch geführt. Aber wir haben eben auch richtig für einen Text miteinander geredet. Er wusste das. Also in dem Bereich spielt sich meine Antwort ab. Letztlich kann ich es nicht wissen, aber ich glaube, sie wären sehr im Reinen damit. Ich hoffe das.

Sonja Schrapp

Danke. Ich habe mich gerade gefragt, wo ich das gehört habe, ob ihr Vater den Wandel, den sie vollzogen haben, in der Betrachtung von ihrer Mexierung zu ihrem Vater. Können Sie auch kurz sagen, wie sie so? Sonja, Schraub bin ich.

Klaus Brinkbäumer

Ja, wir haben das ausgesprochen und haben gelernt, miteinander zu reden. Beide, glaube ich. Also ich habe mich nie gescheut, das ist dann vielleicht auch Journalisten existenzbedingt, über meine Gefühle zu reden, aber ich habe darüber nicht mit meinem Vater geredet. Ich habe darüber immer mit meiner Mutter geredet. Und das haben wir verändert. Ich habe die Gespräche herbeigeführt, die sind nicht von ihm ausgegangen. Er hat sich aber darauf eingelassen und hat auch Fragen geantwortet und hat dann Gegenfragen gestellt. Und darauf dann Antworten bekommen. Also ja, er hat das mitbekommen.

Carola von Seckendorff

Das freut mich.

Klaus Brinkbäumer

Ja, mich auch.

Ulrich Krüger

Oloch Köhler ist mein Name. Guten Abend. Hallo. Ich bin nicht als eine andere Erwartung hergekommen. Ich habe gedacht, da kommt ein bettreiender Mensch von Hildworth nach New York und zurück und erzählt über Abschiede und hatte insgeheim gehofft, nee, hatte erwartet, dass es um vielerlei Abschiede geht. Ich freue mich sehr, dass ich positiv überrascht wurde, weil man dadurch ganz viele Denkanstöße für die eigenen Abschiede bekommt, die im familiären Bereich sind. Und in dem Zusammenhang, frage ich mich aber auch, wir sind zwölf Jahre auseinander, ist das, was Sie geschrieben haben, jetzt nur eine Generationenthematik, die Ihnen wichtig war, die Sie jeder gelegt haben, weil es für Sie in der Bewältigung einfach auch dazugehörte und wichtig war? Oder können wir in einer Zeit, die ja doch ziemlich strübelig und verstürmend ist, von innen auch noch hören, dass das vielleicht auch etwas mit Abschieben von Frieden vielleicht oder mit Abschieben von bisher lief doch alles so schön, meine Generation im Baujahr 55, aber wir müssen, der ich in Kriegsdiensten verweigert habe, daran gewöhnen, nur mit Waffeln in der Hand können wir unseren Frieden sichern. Können die da vielleicht ein paar Worte zu finden.

Klaus Brinkbäumer

Ja, gerne. Zunächst vielen Dank für die Eingangsbemerkung, das freut mich sehr. Und dann zu Ihrer Frage, das spielt auch eine Rolle im Text. Ich habe jetzt nur nicht diese Passagen gelesen, weil ich fand, dass die drei erzählenswert und diskutierenswert waren. Aber ich schreibe an anderer Stelle über Erkenntnisse aus den Corona-Jahren, was die Jahre mit unserer Familie gemacht haben. Das waren eben auch Jahre, wo ich nicht zu meiner Mutter reisen konnte, weil wir in New York waren. Da hätten wir noch Gespräche führen können. Ich hätte zwar ausreisen dürfen aus New York, aber ich hätte nicht wieder einreisen dürfen in die USA. Und wie vertrackt in genau jenen Monaten, an die wir alle uns, glaube ich, erinnern. Und dann war meine Mutter nach einem Sturz, da war ich in Hiltrup, aber sie war in der Klinik und wir durften wieder nicht rein, wir durften wieder nicht zu ihr. Über das, was Corona mit unserer Gesellschaft und Familien und Menschen gemacht hat, schreibe ich genauso wie über die politischen Dinge, die Sie gerade andeuten. und das beschäftigt mich sehr. Ich habe viele Jahre lang als Auslandsreporter und Korrespondent gearbeitet und mache nach wie vor sehr viel außenpolitische Dinge als Journalist. Ein Podcast über die transatlantischen Beziehungen, Deutschland, Amerika und da wandelt sich so viel, da bricht so viel weg, womit auch ich aufgewachsen bin. Gewissheit, Sicherheit, auch dieses Urvertrauen, dass es schon gut gehen werde, womit ich echt groß geworden bin. trotz RAF in meiner Kindheit oder trotz Diskussion um Atomwaffen oder Atomkraft, hatte ich letztlich immer das Gefühl von Sicherheit, was ich heute nicht mehr habe und was vielen Menschen, glaube ich, gerade verloren geht. Auch darum geht es und die Frage, wie wir damit umgehen, halte ich für so relevant, wie Sie es gerade angedeutet haben. Es brechen Gewissheiten weg und die Zeiten wandeln sich so rasant, dass es uns wirklich angeht. Das sind die Abschiede, die ich meine, auch die Abschiede, die ich meine. Und in dem Text versuche ich, das miteinander zu verbinden. Aber danke für die Fragen.

Ralf Heimann

So, ich habe meine Uhr da vorne liegen lassen, deswegen sehe ich nicht, um wie viel wir gerade überziehen. Aber eine Frage hatte ich schon versprochen hier, deswegen machen wir doch eine. dann...

Zuschauerin

Guckst du auf die Uhr.

Ralf Heimann

Ich versuche es kurz zu machen.

Zuschauerin

Können Sie auch kurz sagen, wer Sie sind? Mein Name ist Keir Johannes. Ich bin ihre meine Freundin, die mir das geschenkt hat. Und die hat mir auch ihr Buch geschenkt. Die hat das tapfer gelesen. Ja, dann sagt. Sie hören eine Ami-Banenz. Und die hat es tatsächlich auch empfunden. Also die Szenen, die sie ausgewählt haben, sind Gönnt, mein Lieblingsszenen. Es gab viele Szenen, bei denen ich wirklich tatsch sein musste, weil das teilweise eine Montagetechnik war mit einer Verdichtung von Crotation Sandwich, sag ich mal. Das fand ich zum Teil etwas sperrig. Hatte für mich dann auch diese Art und Weise, dass sie diese Teilnein so gebellt haben, dass sie immer sagen, im zweiten Jahr, im siebten Jahr habe ich zwischendurch auch gleich der Ärger verstört. Ich musste mir immer sehr deutlich machen, was das übergeordnete Ziel war. Ich bin mit diesem Abend wunderbar ausgesöhnt. Ich finde das grandios, wie Sie das gemacht haben. Ich hätte nicht nur noch drei Stunden weiter zu hören. Habe auch meinen Sohn mitgebracht, weil wir den Altersdurchschnitt dramatisch nach unten bringen. Und ich freue mich schon auf die Gespräche im Anschluss. Meine Frage hat Sie, was war das übergeordnete Ziel, diese Montagetechnik zu wählen?

Klaus Brinkbäumer

Danke für die auch kritischen Worte. Gute Frage. Letztlich liegt gar nicht so sehr das Ziel, sondern die Begründung in dem, was ich eingangs kurz erzählt habe, dass mein Gehirn so funktioniert hat während dieser Trauerzeit. und das wollte ich spiegeln, das wollte ich in dem Text spiegeln. Und ich glaube, dass das nicht nur mein Gehirn so macht. Jedenfalls in den Gesprächen, die ich geführt habe, habe ich das bestätigt gefunden. Wir erinnern uns nicht linear. Wir erinnern uns auch nicht nur an die, zum Glück nicht nur an die Monate, in denen meine Mutter jetzt, um bei mir zu bleiben oder bei der Geschichte zu bleiben, die ich erzähle, in Meiersor Heinrichhaus in Hiltrup lag, sondern an die Volleyballspiele im Garten bei uns oder die Italienreisen. Lateinlehrerfamilie fährt natürlich nach Rom und dann über den Breller. Und meine Mutter packte die Kühltasche voll mit Buletten und Kartoffelsalat und hartgekochten Eiern. Und wir saßen immer gleich im Auto Wir hielten immer an den gleichen Orten. Und es waren so kostbare Sommerferien, auch daran denke ich. Und ich möchte das dann in dem Text aber auch nicht so auseinander montieren, sondern genauso beisammenhalten, wie es sich abspielt. Es ist beides wahr und beides gab es. Und dann gibt es Zitate in dem Text, die haben es gerade angesprochen, von Schriftstellerinnen, Schriftstellern, Philosophinnen, Philosophen, Menschen, die sich eben auch schon vor mir mit Trauer beschäftigt haben. Ich bin nun wahrlich nicht der Erste, der über Sterben und Abschied nehmen und Trauer schreibt. Und Joan Didion, aber bei Weitem nicht nur sie, Olga Martinova, habe ich vorhin zweimal zitiert, verdient es auch, dass ihre Gedanken aufgegriffen werden. Weil sie mich auch dazu gebracht haben, dann in meiner Erzählung Dinge weiterzudenken oder manchmal auch nur zu zitieren, weil sie so fundamental klug waren. Das war der Grund für die Erzählweise. Das mit den sieben Jahren war ein Rahmen, der ganz am Ende natürlich erst entstand. Ich habe nach fünf Jahren angefangen zu schreiben, weil ich in New York war in der Woche, von der ich jetzt schon zwei, drei Mal geredet habe. Das war fünf Jahre nach der Trennung vom Spiegel. Das war für mich der Ausgangspunkt. Und dann starb meine Mutter, dann war ich dort und fand ich so langsam in diese Erzählform hinein. Und dann kamen die zwei Jahre im zweiten Teil, die Jahre mit meinem Vater. Das wiederum ist schlicht eine, warum erzähle ich so, weil das der Wirklichkeit entspricht, die wir hatten. Nach fünf Jahren beginne ich mit dem Erzählen und dann kommen aber eben noch zwei Jahre, die ganz anders sind. Deswegen ist der Text so, wie er ist. Aber danke dafür.

Ralf Heimann

So, ich habe inzwischen auf die Uhr geschaut, eine Schweineart drüber. Was sagt sie? Einige mussten schon gehen, aber ich glaube, das musste jetzt einfach sein. Also ich möchte ganz herzlich Klaus danken, dass er da war und bei der Gelegenheit auch, dass er uns, vielleicht wissen es eigentlich gar nicht, seit über fünf Jahren unterstützt. Also Klaus war beim ersten Treffen dabei, als wir RUMS gegründet haben und begleitet unser Projekt seitdem und hilft uns. Das ist wirklich unschätzbar. Und ganz herzlichen Dank dafür, für einen schönen Abend. Vielen Dank.

Klaus Brinkbäumer

Darf ich ganz kurz noch, ich will es natürlich nicht in die Länge ziehen, weil du so mit dem strengen Blick auf die Uhr bist, aber ich möchte noch ein, zwei Worte zu Rums sagen, weil es tatsächlich angebracht ist und mir ein Anliegen ist und bei weitem nicht nur mir. Es gibt eine so engagierte Mannschaft hinter Rums und auch eine gleichfalls sehr engagierte Mannschaft bei Rums. Den Redaktionsleiter sehen wir hier, die etwas macht, was für, wir waren ja vorhin bei Abschieden von Gewissheiten und Abschieden von Stabilität in der Gesellschaft, die etwas macht, was so wichtig ist. Lokaljournalismus, Regionaljournalismus auf eine leidenschaftliche, integre Weise und aber auch modern gemacht, digital gemacht, ist so existenziell für funktionierende Gesellschaften. Ich bin damals aus Amerika nach Deutschland zurückgekommen und habe in den USA erlebt, wie Medien die Polarisierung der Gesellschaft betreiben. Nicht nur beschreiben, sondern betreiben, weil es ein Geschäftsmodell ist. Ich habe damals einen Film und ein Buch mit Stefan Lambi zusammen genau darüber gemacht. Das war unser Thema. Im Wahn hieß das, weil die Gesellschaft in den Wahn abglitt und Fox News und andere auch auf der linken Seite von der Emotionalisierung und der Polarisierung profitieren. Je mehr Emotionen, desto mehr Einschaltquote, desto mehr Werbung, desto mehr Geld. Das ist das Geschäftsmodell. Während in den USA Lokalmedien schießen. Es gibt keine Geschäftsmodelle mehr für Lokalzeitungen. Und die Mannschaft hinterrums, das meint uns Gründer, Gesellschafter, und da bin ich ja bei weitem nicht alleine, hatte das Gefühl, dass es wirklich guten Lokaljournalismus, gerade natürlich in lebendigen Städten, die Münster zwingend braucht. Und deswegen haben wir es angefangen und ich bin so wie viele andere auch stolz drauf, auf das, was da in den letzten, wie viele Jahren? Fünf, ne? Fünf, genau. Fünf Jahre entstanden ist. Das wollte ich gerne noch sagen, weil es wirklich unterstützenswert ist.

Ralf Heimann

Ja. Ganz herzlichen Dank dafür, wenn Sie RUMS unterstützen. Und dann erzählen Sie, dass es RUMS gibt. Das hilft uns schon sehr weiter. Und du sprachst das Team an. Ganz wichtig auch, ich möchte Danke sagen an meine Kollegin Stefanie Walkenhorst, Nudea Albers, die das hier alles organisiert haben und auf die Beine gestellt haben. Und auch an den Rest des Teams, also es sind sehr viele Leute, die hier mitarbeiten. Ich möchte aber vor allem auch Ihnen danken, dass Sie gekommen sind, denn so funktioniert das ja, wenn wir zusammenfinden und dann solche Abende erleben, dann finde ich, dann geht man auch immer mit einem ganz tollen Gefühl nach Hause. Dann bleibt mir noch, Ihnen Dankeschön zu sagen und einen guten Heimweg zu wünschen.

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